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Feindesliebe in der Kirche
Siegfried H. Sunnus


1. Das Gebot Jesu
Die Nächstenliebe ist für viele Menschen das ureigenste christliche Gebot. Es gilt als Maßstab christlichen Handelns. Sie sind dann sehr überrascht, wenn sie hören, dass Jesus mit seinem Satz „Du sollst deinen Nächsten lieben“ bereits aus dem dritten Buch Mose zitiert. Aber das Erstaunen wächst, wenn Jesus in der Bergpredigt fortführt – und nun wirklich radikal neu gebietet:


„Ich aber sage euch: ‚Liebet eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.’“


Welche Provokation! Der Feind, der Gegner, der, der vielleicht sogar vernichten will – der soll geliebt werden! Jesus rückt den Feind in den Mittelpunkt. Mit dieser Person soll ich mich auseinandersetzen. Die gestörte Beziehung zu ihm soll verändert werden.


Im zweiten Buch Mose bleiben Widersacher und Feinde noch was sie sind: Gegner. Persönliche Gegner. Wohl aber sollen wenigstens die Tiere unter der Feindschaft nicht leiden. Und immerhin: der Feind soll auch in seinem Vermögen nicht geschädigt werden. Bei der Hilfe für den Esel ist Kooperation angesagt:


„Wenn du dem Rind oder Esel deines Feindes begegnest, die sich verirrt haben, so sollst du sie ihm wieder zuführen. Wenn du den Esel deines Widersachers unter einer Last liegen siehst, so lass ihn ja nicht im Stich, sondern hilf mit ihm zusammen dem Tiere auf“ (23, 4+5).
Ein erster, feiner, andeutender Schritt zur Deeskalation? Ausgesprochen wird er hier nicht.


Das tut Jesus. Wieder mit einer menschlich schwer zu verkraftenden Provokation in der berühmten Passage von der Vergeltung: „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“ Das zielte damals auf das Verhältnis und den Umgang von Christen mit Heiden. Hier lauerte die Gefahr von Feindschaft auf Gegenseitigkeit und die sollte nicht auf die Spitze getrieben werden, jedenfalls nicht von Christen. Auch die weiteren Wegweisungen in jener Passage bekräftigen das.


Doch dabei bleibt es nicht. Matthäus komponiert hier die Bergpredigt Jesu steil ansteigend auf den Höhepunkt hin: Ausgehend vom status quo und dessen erstrebenswerter Deeskalation lässt er das Zitat von der „Nächstenliebe“ aus dem Alten Testament folgen, um darauf das absolut neue Postulat der „Feindesliebe“ zu setzen.

Was aber ist aus diesem christlichsten aller christlichen Gebote gewor-den? Aus dieser Herausforderung, deren Realisierung vieler Vorstufen und sukzessiver Erarbeitung bedarf? Die oberflächlich verstandene „Nächstenliebe“ muss sich vertiefen zu einer völlig neuen Beziehung zum „Nächsten“. Der Blick wendet sich von der Person allein weg und auf Gott hin, der auch dieses Geschöpf erschaffen hat und „die Sonne aufgehen lässt über Gut und Böse“ und es „regnen lässt über Gerechte und Ungerechte“.


Werden „Feinde“ und „Feindschaft“ in der Kirche zum Thema? Natürlich verwendet die Kirche solche Worte nach ‚außen’ hin, wenn sie sich zu
nationalen und internationalen Konflikten äußert, sie analysiert und zur Versöhnung mahnt. Auch Predigten können diesen Duktus haben.

 

Religionsbücher raten zur „Nächstenliebe“ als Mittel zur Konfliktregelung, beim Streit auf dem Schulhof oder Ärger mit dem Mitschüler. Doch zu den Erfahrungen von Feindschaft und Feinden und gar dem Gebot der Feindesliebe ist dort nichts zu finden. Wo gibt es die theologische Auseinandersetzung zum Beispiel auch mit dem Islam im Blick auf den „Heiligen Krieg“ und die „Feindesliebe“?


Vollständig ausgeblendet wird aber die innerkirchliche Perspektive.
So unbekümmert in der Bibel von Feinden gesprochen wird – man schlage nur einmal in der Konkordanz nach! – so konsequent wird dies in der Kirche verschwiegen.


In der politischen Landschaft ist die Steigerung bekannt: „Feind, Todfeind, Parteifreund.“ In den kirchlichen Zusammenhängen könnte die entsprechende Steigerung lauten: „Feind, Todfeind, liebe Schwestern und Brüder“…


2. Die einander hassenden Geschwister
„Da sprach der Herr zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du
deinen Blick?“

Die Geschwister! Wo zeigen sich die „Geschwister“ am ehesten als die „Hassenden“? Mit ihrem Neid, ihrer Missgunst und Bösartigkeit – im Privaten? In Erbstreitigkeiten? Vor Gericht?


In der „Kirchenpolitik“ und im Konfliktfall innerhalb des Kirchenapparates kann man davon ausgehen. Da zeigen sie sich wohl am ehesten - es wäre unrealistisch, dies nicht einzukalkulieren.


Aber nun keineswegs in offenen Feldschlachten, denen so etwas wie korrekte ‚Kriegserklärungen’ vorangegangen sind. Politiker können oft viel besser zwischen politischer Gegnerschaft und persönlicher Feindschaft unterscheiden als die Akteure im kirchlichen Bereich. Warum wendet sich in der Kirche eine Sachauseinandersetzung so schnell ins Persönliche? Da schleichen sich Neid, Missgunst, Zerstörungswille und vieles Negative unkontrolliert ein, so dass sie schließlich in Feindschaft ausgetragen werden und vernichten, was vorher in Balance gehalten war, ausreißen, was gewachsen war. Und dies noch nicht einmal offen, sondern ‚unterm Tisch’ - es wird getreten, verdeckt agiert, Gerüchte
werden verbreitet, sich nicht mehr aussprechend, abstrafend – jeder Fall von Mobbing enthält diese Elemente.


Dieselben Menschen, die miteinander Abendmahl gefeiert haben, können anschließend vor der Kirchentür übereinander vor anderen herziehen.


Aus der Psychologie wissen wir, dass zwischen der Tag- und Nachtseite  eines Menschen unterschieden werden kann. Im kirchlichen Milieu stehen die Menschen sehr stark unter der Forderung, „lieb“ zu sein. Von einer harmonisierenden Nächstenliebe geradezu blockiert, dürfen sie gar nicht zur Sprache bringen, welche dunklen Regungen ihre Schatten voraus werfen. Das so falsch verstandene Gebot der Nächstenliebe führt dazu, dass kein Raum bleibt zu realistischer Wahrnehmung der Nachtseite mit ihren finsteren Gedanken und Plänen, um diese gar an- und auszusprechen. Ein Sündenbock ist dann die „Erlösung“ aus diesem
Zwang. Dem kann man alles ungestraft aufbürden. Aber der wird ja auch
ausgestoßen.


Richtig verstandene Nächstenliebe verwischt nicht. Sie benennt auch die negativen Seiten, um diesen überhaupt begegnen zu können. Das gebietet der Respekt. In der Empfehlung, dem Tier des Feindes mit aufzuhelfen, steckt dieser Respekt. Der Feind ist das gleiche Geschöpf Gottes. Deshalb muss man ihn nicht umarmen. Aber ihn respektieren. „Die Liebe freut sich der Wahrheit“.
Andernfalls entsteht ein Freiraum, in dem sich das Böse ungebremst und ohne Unrechtsbewusstsein entfalten kann – biblisch wird dies zur „Sünde“. Und wenn die Bibel dann die Buße als die Hilfe beim Versagen beschreibt, gehört das Negative des Geschehenen untrennbar dazu. Sonst wird der Vergebungszuspruch zur „billigen Gnade“.


Jesus beantwortet mit dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter exemplarisch die Frage, wer mein Nächster ist: ‚Meine’ Leute gehen vorbei, aber der von den Juden feindlich angesehene Samariter wird mir Opfer zum Nächsten! Diese Veränderung der Perspektive ist entscheidend: Wem kann, muß, soll, darf ich zum Nächsten werden – und wenn es auch der Feind wäre?


3. Stufen der Feindschaft und Identifizierung von Feindschaften
Der Weg zur Feindschaft führt über viele Stufen. Der Abstieg, die Deeskalation, ist mühsam – es sei denn, es geschähe befreiende Vergebung.

Der Weg beginnt mit verweigerter Zustimmung. Wenn in einem Gremium ein Mitglied Aspekte der Außenwelt einbringt, kann es die Eintracht stören. Geschieht dies zu oft und setzt sich die ‚herrschende Meinung’ immer wieder mit Mehrheits-Beschluss durch, dann wird dieser Person die Störung von Eintracht und Harmonie persönlich nachgetragen, bisher geduldete Aspekte erscheinen im neuen Licht: Verbesserungsvorschläge sind Kritik und Nörgelei.
Eine andere Sicht der Dinge entwickelt sich zum Machtkampf mit Verwaltung und Leitung, feed-back wird nun als persönlicher Angriff ausgelegt. In der Fortsetzung beschränken sich die Beteiligten auf formelle Konversation, ein vertrauensvoller Austausch von Gedanken und Überlegungen unterbleibt – sie könnten ja Angriffspunkte enthalten, die sich ausnutzen lassen. Die Schweigespirale geht
es immer weiter hinauf und ein Ringen um die Sache fehlt fortan. Schließlich wird grundsätzlich von einander in ‚Schubladen’ gedacht, die entsprechende Etiketten tragen. Das ‚Ver-rückte’ geschieht dann, wenn die Koalitionen wechseln: Der Gegner meines Feindes kann zu meinem Freund werden – obwohl er zuvor auch als Feind angesehen worden war.
Aber vertrauensvolle Kommunikation findet in der neuen Koalition kaum statt. Sie ist auf den Zweck orientiert und gefährdet, die Motive verdeckt. Das vorhin beschriebene Gruppenmitglied eignet sich nun hervorragend zum ‚Sündenbock’ und kann dann schließlich ausgeschlossen werden.


Wer eine Gemeinde, einen Kirchenkreis, eine Landeskirche lange genug kennt, kann auch, wie in einer Schulklasse, ein Soziogramm erstellen. In ihm ist zu erkennen, wer gerne neben wem sitzt, wer von wem abgelehnt wird und wo Gleichgültigkeit herrscht.


Freilich, manches ist erst allmählich zu erfahren und einzuordnen. Vor Jahren wunderte ich mich, dass zwei Pfarrkollegen, die gesellschaftspolitisch ähnliche Positionen hatten, bei keiner Aktion des Anderen mitmachten, ja eher blockierten. Der Zufall klärte, weshalb sie sich aus dem Weg gingen: Die zweite Frau des einen, war die erste Frau des anderen gewesen. Und neulich erfuhr ich, wer mit wem in einem exklusiven Klub Tennis spielt. Klar: da begriff ich auch einiges.
Der Neid auf andere ist ein gewaltiger Schritt auf den Stufen der Feindschaft. Was der andere kann, leistet und darstellt, erweckt Neid, statt es als Bereicherung, Ergänzung und Schönes anzuerkennen. Besonders schwer fällt dies, wenn der andere der siegreiche Konkurrent um eine Position gewesen war.


Der Herrscher im Absolutismus mußte die Proportionen beachten, wenn er mit Titeln und Landbesitz etc. belohnte: Das Verhältnis von Meriten und Prämien hatte zu stimmen im Vergleich zu anderen, die bereits ausgezeichnet worden waren oder deren Ehrung noch bevorstand! Verglichen damit kann es in der Kirche ziemlich ‚feudalistisch’ im abfälligen Sinn dieses Wortes zugehen. Nicht was gesetzlich zusteht, wird gegeben – es sei denn erst nach langem Kampf, sondern nach Ansehen der Person erhält die eine Pfarrerin volle Vertretung in
ihrem Erziehungsurlaub und für die andere bekommt der Kollege zu hören: „Ich habe niemanden!“


Im Vergleich zum Schulbereich eines Landes sind die Landeskirchen mit ihrer Verwaltung und Leitung überschaubar. Und so wird vieles auf der persönlichen Ebene geregelt – zu Gunsten und zum Nachteil!
Deshalb fällt es mir schwer, den Verheißungen von moderner Personalführung in den Landeskirchen zu glauben. Denn die objektiv erhobenen Daten von Fähigkeiten, Stärken und Schwächen etc. werden subjektiv immer wieder unterlaufen, weil es eine geheime ‚Meßlatte’ gibt. Sie entsteht aus Zuneigung und Ablehnung, aus ‚Stallgeruch’ und persönlichen Vorerfahrungen, aus Lob und Kränkung, aus ‚Seilschaften’ und Gegnerschaften.


4. „So soll es nicht sein unter euch…“
Nun ist auch oft zu hören: Ja, was erwartest Du denn von der Kirche?
Schließlich ist die „Gemeinschaft der Heiligen“ ein Teil des Credo. In der Realität ist die christliche Kirche ein „corpus permixtum“ verstockter Sünder und Gerechtfertigter. Auch die Kirche hat ein „Reich zur Linken“, wo es ‚menschelt’ und eins „zur Rechten“, wo geglaubt wird, lieber Freund!


Aber: Was macht denn die Kirche zu einer christlichen Kirche?


Wolfgang Huber hat 1973 den entscheidenden Unterschied zwischen dem Verband Kirche und den übrigen gesellschaftlichen Verbänden darin gesehen, dass sie Distanz zu sich selber hält, weil die Kirche eben noch nicht das verheißene Reich Gottes ist. Huber nannte einst diese Distanz „Selbstkritik“ und sah in ihr den entscheidenden Qualitätsunterschied zwischen der Kirche und den anderen
gesellschaftlichen Institutionen.
Mit Martin Luther identifiziere ich diese Selbstkritik als „Buße“ und erinnere daran, dass die Kirchen der Reformation auch deshalb entstanden, weil die ‚Mutterkirche’ nicht Buße tun wollte.
Aber: Kann denn eine Institution Buße tun? Das können doch nur die Menschen in der Institution. Das hieße dann auch: Zugeben, dass es Feindschaft gibt – und die Herausforderung der Feindesliebe gelten zu lassen und sie in die Tat umzusetzen.
Hier stehen wir Christen vor einer großen Bewährungsprobe.
Denn wenn wir in der Kirche die Relevanz der Gebote für unser Entscheiden und Verhalten nicht mehr deutlich machen können – wer wird es dann tun? Wird sich Gott „aus den Steinen Kinder erwecken?“

Was Helmut Thielicke in seiner Ethik einst das „ideologisierte Christentum“ nannte und damit die vom Staat benutzte Christlichkeit – ohne sie inhaltlich zu teilen – meinte, ist doch auch ein ständiger Begleiter in der Kirche geblieben. Auch sie begibt sich in die Gefahr – und kann in ihr umkommen – Zuspruch und Anspruch des christlichen Glaubens als eine ‚Verbandsideologie’ zu verbrauchen: Sie benutzt aus dem christlichen Glauben, was den status quo stabilisiert und ihn verteidigen hilft – was ihn aber hinterfragen, kritisieren und verändern
könnte, weist sie ab.
Die Stufen der Deeskalation aus der Feindschaft sind verstellt, es sei denn es geschähe befreiende Vergebung.


Der erste Schritt zur Buße beginnt mit dem Aufspüren von Gottes Abwesenheit in unseren Entscheidungen und in unserem Verhalten. Dies entspricht der „contritio cordis“, der Zerknirschung des Herzens im mittelalterlichen Bußsakrament.
Die „confessio oris“, das hörbare Aussprechen vor anderen als zweitem Schritt erwächst als die ehrliche Klage über unseren Zustand. Sie ist
vom Gejammere genau so weit entfernt wie die vom Geist gewirkte Erneuerung von einem ‚Bekehrungsfeldzug’…
Der dritte Schritt, die „satisfactio operis“, die in Taten sichtbare Veränderung, ist dann die logische Folge. Sie hat viele Facetten. Vom zwischenmenschlichen Neuanfang bis hin zu Veränderungen in Kirchenordnungen und Gesetzen.
Der von vielen schon vergessene Julius Schniewind schrieb vor Jahrzehnten ein merkwürdiges Büchlein. Es hieß „Von der Freude der Buße“. Die steht noch aus.

 

 

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