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Vom Fluch und Segen der Sündenböcke

 

Jemanden zu einem Sündenbock machen:

Das Verfahren ist denkbar einfach und wird immer wieder gerne praktiziert:  Man nehme eine Person ....Kollege, Kollegin, Ehemann, Ehefrau, Sohn oder Tochter, Nachbarn, Onkel, Tante.....irgendjemand wird sich schon finden lassen, hänge ihm ein paar Fehler an, vor allem die, die man immer selber macht, würze das Ganze mit übler Nachrede und Verleumdung und mache ihn, am besten mit Hilfe einer Gruppe, fix und fertig.

Es handelt sich hierbei um einen uralten Brauch, der im Alten Testament regelmäßig am Versöhnungstag praktiziert wurde. Dem Hohepriester wurden zwei Ziegenböcke als Sühneopfer für die Sünden des Volkes übergeben. Nach einer Losentscheidung wurde ein Bock für den Herrn geopfert, der andere, ein armer, bis dahin unbescholtener
 Ziegenbock, erhielt die Sünden Israels aufgebürdet, indem der Hohepriester ihm die Hände und damit symbolisch alle Schuld des Volkes auferlegte. Danach wurde er in die Wüste gejagt. (Lev.16,10)

 

Manch einer wird jetzt sagen: das kenne ich doch irgendwoher.

Richtig! Kaum ein Ritual aus der Zeit vor Christi Geburt wurde so maßstabgetreu in die sogenannte Moderne hinübergerettet wie dieses. Nur haben sich die Methoden etwas verfeinert: wir schicken keine Böcke mehr in die Wüste, sondern leibhaftige Menschen. Heute nennt man das Mobbing.


 

Sündenbockpraktiken sind der Krebs im sozialen Organismus.

Radikalkuren zu seiner Ausrottung sind äußerst notwendig,

aber genauso wichtig ist eine gesunde geistige Atmosphäre,

damit sich das Geschwür gar nicht erst festsetzen kann“

                                                                            Gordon W. Allport1

 

 

Vom Fluch und Segen der Sündenböcke2

  1. archaische Entwicklung
  2. biblische Sündenböcke
  3. Alltagssündenböcke

 

  1. archaische Entwicklung  – das kultische Opfer

Wird die soziale Ordnung durch z.B. natürliche Katastrophen wie die Pest gefährdet, suchte die schlichte  Gesellschaft des Mittelalters nach Möglichkeiten des Schutzes und der Abwehr.

An diesem  Grundverhalten hat sich seit Jahrtausenden nichts geändert.  Wir Menschen können es einfach nicht aushalten so hilflos dem Elend ausgeliefert zu sein.

Wir suchen nach Erklärungen, nach Ursachen. Wir  fragen wer an dem Elend Schuld haben könnte.

Alle Religionen nehmen diese Ohnmachterfahrung auf und die meisten kompensieren sie durch religiöse, kultische Handlungen.

                                

Bis in unsere Zeit wirken archaische Krisenbewältigungsmechanismen. Bei krisenhaften Auflösungserscheinungen (die die soziale Ordnung stören oder gefährden) beobachten wir archaisch-primitive Abwehrmechanismen.

Gerät eine Gruppe oder Gemeinschaft in eine Bedrohung von innen oder außen, so gerät die Gemeinschaft in eine Krise, die von den führenden Leuten meist vertuscht oder verharmlost wird.  Das mag in der Anfangsphase noch eine gewisse Zeit  gehen, doch wird die Bedrohung stärker, macht sich Angst breit und wie bei einer Seuche, wie z. B. der Pest kann eine Panik und Hysterie ausbrechen. Mit der ungelösten Krise  entwickeln sich Auflösungserscheinungen der menschlichen Kultur. Diesem Elend ohnmächtig ausgeliefert zu sein ist nicht mehr auszuhalten. Man kann doch nicht einfach tatenlos zu sehen, wie alles zu Grunde geht.  Es ist dann die Aufgabe der führenden Menschen den kulturellen Zusammenbruch abzuwehren.  Dazu wird ein Ziel gesucht, das alle miteinander verbindet.  Das gelingt am Besten durch die Konzentration auf einen Feind, der greifbar und vernichtbar ist. Es muss jemand zur Opferung gefunden werden, auf den die Ursache des Elends geschoben werden kann. Damit wird das selbst erfahrene Böse nach außen abgeschoben und auf das Opfer abgeleitet und scheinbar mit der Opferung vernichtet.

Um das Gleichgewicht in der Gemeinschaft wieder herzustellen brauchen wir Opfer, was auch zum Menschenopfer geführt hat.  Der Krieg, heiß oder kalt, ist für mich eine Form von  „rituellem Kannibalismus“.  Vermutlich kennen wir die Einstellung unserer Väter und Großväter: „Es gibt nichts Höheres als für das Vaterland zu sterben.“       Sich für andere, für die Gemeinschaft, aufzuopfern wird als eine hohe Tugend angesehen. Das Verlangen, als Held zu sterben – steckt besonders in jungen Menschen. Damit bekommen sie die Möglichkeit  mit ihrem geopferten Leben  sich zu etwas Besonderem zu machen.

Das Opfer vereinigt die Gemeinschaft und hilft der Zersetzung (also dem Bösen) Einhalt zu gebieten. Der Kampf gegen das Böse verbindet und in diesem Kampf sind sich alle einig. 

 

Recht und Wahrheit werden mit Füßen getreten:

Als aufgeklärte Menschen können wir über die Anthropologie, Psychologie und Konfliktforschung die Mechanismen, die zu Sündenböcken und Mobbing führen, erkennen. Doch eine solche aufklärende  Konfliktbearbeitung wird verdrängt, ja oft sogar verboten. Damit wird zugleich die eigene Unfähigkeit und Schuld verdrängt.

Wenn in einer Gemeinschaft einer die „Wahrheit“ durchschaut  ist es bezeichnend, dass es kaum einer wagt sich für die Wahrheit einzusetzen und die Schuld der Gemeinschaft aufzudecken. Sie haben alle Angst die Gruppe gegen sich zu haben und das nächste Opfer zu sein.  Es kann dazu führen, dass sie von der Angstlogik getrieben werden  und damit  jede  Sachlogik blockiert ist.  Propheten hatten meistens ein kurzes Leben. Der Gruppenzwang oder die Massenpsychose duldet keine Abweichung von der Norm. Das „kreuziget, kreuziget ihn“ wirkt bis heute.

Es ist immer derselbe Ablauf, der Unschuldige zu Opfern werden lässt.  Die Gemeinschaft soll schuldfrei und das Opfer als schuldig überführt werden. Die Frage nach Recht und Wahrheit spielt dabei keine Rolle und würde nur stören. In dieser Entwicklung werden Recht und Wahrheit unterdrückt. „Was nicht sein darf, auch nicht sein kann“.

Die eigene Schuld der Gemeinschaft ist ja auch schwer zu durchschauen, und sie soll auch nicht sichtbar werden.

Es ist einfacher den Selbstauflösungsprozess zu verhindern, indem die Ursache auf eine Person projiziert wird. Die selbstzerstörerische  Gewalt untereinander in der „jeder gegen jeden“ kämpft -  bekommt eine Zielrichtung, in der sich alle gegen einen zusammenrotten.  In einer solchen Lynchjustiz  wird das Opfer von allen getötet, oder aus der Gemeinschaft vertrieben, was dann meistens auch den Tod zur Folge hat.

Das Opfer stabilisiert so die Gemeinschaft und die Machthabenden.  Darum haben die Machthabenden kein Interesse an Leuten, die ihre Machenschaften durchschauen.

Kritiker, Propheten, weise Menschen leben gefährlich. Auch in einer Demokratie, die sich transparent und aufgeklärt gibt, sind in Nischen autoritäre und totalitäre  Mechanismen zu finden die archaisch und primitiv erscheinen.

 

„Da es fast nichts braucht, um im Zustand der kollektiven Besessenheit eine solche Zusammenrottung aller gegen einen auszulösen, kann grundsätzlich jede und jeder zum Opfer eines solchen Mechanismus werden.“ 3   

 

 

  1. biblische Sündenböcke

 

Abraham opfert Isaak:4     

Was ist das für ein Gott, der von einem Vater die Opferung seines Sohnes als Treuebeweis fordert?   Vater Abraham bleibt es (Gen 22 V. 1-19) erspart seinen Sohn Isaak zu opfern.  Im letzten Moment hat es Gott Abraham gestattet, statt seinen Sohn einen Widder zu töten.

Theologisch deuten wir diese Geschichte als Ablösung des Menschenopfers, durch das Tieropfer.  Sinnvoll wäre es gewesen, die ganze Menschenschlächterei im göttlichen Auftrag ein für allemal zu beseitigen. In einer wachsenden Kultur der Zivilisierung der Sitten wäre es als ein Fortschritt anzusehen, die unschuldigen blutigen Opfer von Menschen durch das Töten von unschuldigen Tieren zu ersetzen. Immer wieder frage ich mich: Was ist das für eine Gottheit,  die allein mit blutigen Opfern zu versöhnen ist? 

Sündenböcke werden von der Gemeinschaft geopfert, um den Frieden in der Gemeinschaft wieder herzustellen.  Das gemeinsame Ziel, mit entsprechendem Feindbild,  fordert  ein rituelles Opfer, um sich selber rein zu waschen, um selber wieder als schuldlos und gerecht da zu stehen. 

 

Levitikus 16, „Sündenbock“: 

Am Versöhnungstag überträgt der Hohe Priester, im Ritus der  Handauflegung die Sünden des Volkes  auf einen Ziegenbock. Dieser wird dann  in die Wüste (zu den Dämonen) gejagt. Demonstrativ bekommt  am großen Versöhnungstag (Jom Kippur) Satan, den von ihm stammenden  ganzen Sündenmüll zurück.

Psychologisch gesehen wird mit der Wiederholung  die Opferung des Sündenbockes ein kollektiver Gründungsmord.

Alles Negative, die ganze Verantwortung für die Krise wird auf das Opfer abgeladen.

Das Opfertier wird religiös durch den Ritus zum Heilsbringer, der das Verderben weg nimmt und durch die übernatürliche Transzendenz,  befreiend und versöhnend mit Gott wirkt.  Die Beziehung zu Gott bekommt wieder Reinheit. So geschieht eine Erneuerung und Entlastung.

Der geopferte Sündenbock erwirkt Heil – er wird der Heilige.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass wir im AT neben mythischen Texten, vor allem Passagen finden, die den Sündenbockmechanismus aufdecken und die Perspektive der Opfer einnehmen. 5  Kain und Abel – Josef und seine Brüder – Hiob.  Dabei wird der Gewalt- und Opfermechanismus in unserem  Zusammenleben  aufgedeckt um ihn zu überwinden.

 

1. Könige 3 V.16-28“Das salomonische Urteil“:

Im Streit zweier Frauen um ein Kind kommt es zum Salomonischen Urteil.  König Salomon greift die normale Gerechtigkeitslogik auf  und fordert auf das Kind zu teilen. Damit käme es zur Opferung des  Kindes.  Denn in V. 26 wird die falsche Mütter  von der Logik getrieben: „Besser es bekommt niemand das Kind, und es wird zerteilt, als dass die Rivalin den Sieg davonträgt“.  Diese Logik schafft keine Gerechtigkeit,  aber sie weckt  die Mutterinstinkte.  Um das Leben ihres Kindes zu erhalten  fühlt sich die echte Mutter herausgefordert  auf ihr Kind zu verzichten.  Die gewalttätige Opferlogik der falschen Mutter wird durch das Gefühl der echten Mutter durchbrochen.  Damit konnte der  weise König Salomo über die Gefühlsebene die wahre Mutter ermitteln.

 

Der amerikanische Religionsphilosoph Renè  Girard  sieht darin eine Analogie zum Jesusgeschehen.  Dass  Denken, Wollen und Handeln der wahren Mutter ist völlig von der Liebe zu ihrem Kind und ihrer Ausrichtung auf das Leben gerichtet.  Die falsche Mutter, die bereit ist, das Kind töten zu lassen – sagt: "Es soll weder mir noch dir gehören. Zerteilt es!"  (1 Kön. 3,26).  Sie will den Streit beenden, indem sie ihren Diebstahl und ihre Lüge auf das Kind wirft. Mit der Opferung des Kindes versucht sie ihre eigenen Lügen zu eliminieren. Sie macht das Kind zum Sündenbock.6  

 

Jesus:  

Es lag nicht im göttlichen Willen, dass Jesus solches leiden musste. Es lag im menschlichen Willen.  Sein  anstößiges Auftreten  war auf Erneuerung ausgerichtet.   Jesus wurde mit seinem Konflikt in die Rolle des „Sündenbockes“ getrieben. 

Auf das biblische Interpretationsschema vom Opferlamm und Sündenbock ist das Schicksal Jesu durchaus gültig und anwendbar. Ich verstehe Jesus nicht „opfertheologisch“ von Gott her, sondern sozialpsychologisch, vom Menschen her.

Jedes soziale System wird sich, solange es kann, gegen seine Selbstauflösung zur Wehr setzen.  Über die in der Nachfolge lebenden Christen wirkt die Botschaft Jesu bis heute.  Durch überzeugte Christen wird das  politische,  wirtschaftliche und kulturelle Gefüge des Staates, der Kirchen und Verbände … immer wieder von Grund auf in Frage gestellt. Das kann dazu führen dass sich die in Frage gestellten bedroht fühlen und zur Wehr setzen, so wie

das Immunsystem des Körpers sich gegen ein eingedrungenes Virus zur Wehr setzt.

 

Das religiös motivierte Abwehrsystem:

Ein Mann (wie Jesus) beruft sich auf Gott und lässt durch die Art seines Redens und Handelns das allgemein übliche Reden und Handeln als  Unrecht und Gottlos erscheinen.  In diesem Fall wird die (kirchliche) Reaktion immer so ausfallen, wie in Markus 3 V. 21/22 beschreiben. Man wird den Kritiker entweder für „verrückt“ erklären, schon weil er es wagt, eine so „vernünftige“ Einrichtung wie die religiöse Einrichtung (Kirche) anzugreifen, oder man erklärt den Betreffenden für einen Ungläubigen, für einen Ketzer, für einen dämonisch Besessenen, für einen Teufel oder Hexe. Im Himmel, wie auf Erden gehört,  nach menschlichem Ermessen ein solcher in die Psychiatrie, oder an den Galgen. Wer von der Norm abweicht wird entweder für verrückt – oder für kriminell erklärt. Es gibt nur die beiden Möglichkeiten der Zwangs-Anpassung an die vorgegebene Norm,  oder die Beseitigung.         In der Interpretation seines Redens und Handelns vertritt der Irrlehrer die Sache des „Feindes“ draußen, er ist der „Gemeinschaft-Spalter“, er verdient, dass alle Gutgesinnten ihn mit Füßen treten.

Und genau das ist die Funktion des „Opferlamms und des „Sündenbocks“:

Alle, die dieses Tier töten oder davonjagen, beteuern damit, dass sie „gut“ sind im Sinne des Gruppenzusammenhalts und damit den Verdacht weit von sich weisen, „unbrauchbar“ und „schädlich“ (also „schuldig“) zu sein.  Im Gegenteil bekräftigen sie, dass sie brauchbare und nützliche Gruppenmitglieder sind.  Spätestens wenn Alpha die Jagd auf Omega freigibt, wird es zur Pflicht der Gammas, den Außenseiter zur Strecke zu bringen.

Es sind die ganz normalen Identifikationsprozesse im Zusammenleben der Gruppe selbst, die diesen Ausstoßeffekt entwickeln. Es genügt die Tatsache der Normabweichung, um die Strafe des Gruppenverbandes, um seine Mobbingaggressivität auf sich zu ziehen.  7

 

Johannes 8 V. 1-11, die Ehebrecherin:

Hier treffen wir auf einen Mob der Verfolger, der eine Ehebrecherin zum Zweck der Steinigung eingekreist hat. Jesu Aufforderung, „wer  unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie“, wird zur kreativen Unterbrechung dieser kollektiven Zusammenrottung. Der Gewalt des Mobs setzt Jesus die Gewaltlosigkeit entgegen, in dem er eigene Schuld bewusst macht.

                                                              

Drewermann sagt in seinem Buch Jesus von Nazareth7:   Genauer betrachtet lässt sich die Bruchstelle zwischen Gruppenkonsens und Gruppenausschluss an der Stellung zur herrschenden Führerschaft festmachen.  Jeder „Reformer“ tritt mit dem Anspruch auf, der gesamten Gruppe zu zeigen, wie das Verhalten entsprechend der Grundsätze sein müsste.  Insofern ist gerade der Reformer  von seinem Ursprung her mit seiner Bezugsgruppe besonders identifiziert.  Seine Kritik an der Gruppe ergibt sich, so verstanden, nicht aus einer grundsätzlichen Ablehnung der Gruppe, sondern aus einer tieferen Bejahung ihrer Existenz.  

Indem der Reformer aber diese allen bekannten Maßstäbe auf das reale Leben der Gruppe in vollem Ernst und kompromisslos anwendet, tritt er  in Konkurrenz  zur bisherigen Führung, ob er will oder nicht.  Selbst wenn er die Stellung des Führers gar nicht beansprucht, untergräbt er mit zunehmendem Erfolg die Autorität des Alpha, und damit zwingt er seine Zeitgenossen zu einer Entscheidung.  Entweder er identifiziert und schart sich wie die anderen um den Führer und festigt seine Stellung, oder ihm erscheint das „ganze System“ als fragwürdig und schädlich.  Die Gruppenmitglieder sehen nur den Unruhestifter mit einem  Bruch der Normen, das heißt sie haben Angst vor Veränderung. Einige rechnen mit einem Umsturz  und sie werden alles versuchen den Unruhestifter zu beseitigen.

Dabei ist es von vornherein klar, wie diese Entscheidung ausfallen wird:

- Alle, die von dem System leben, werden sich für dessen Erhalt einsetzen. Die eigene

  Existenzgrundlage wird keiner aufs Spiel setzen. Besonders fleißige versuchen sich bei 

  der Führung  „Lieb-Kind zu machen“ in dem sie ihnen zu Munde reden  und

   verteidigen.

- Alle, die sich als Opfer des Systems fühlen, werden  auf die in ihren Augen längst fällige

  Reform drängen. Zunächst versuchen die meisten Kritiker im Kleinen zu wirken und 

  glauben  etwas zu bewegen.  Dabei  kann es auch zu  Selbsttäuschungen, Halbheiten,

  faulen  Kompromissen, pragmatischen Vorgehen in kleinen Schritten kommen, die  dann  

  irgendwo im Sande verlaufen.

Jesus  ging es darum  die Barmherzigkeit Gottes, mit der Verheißung der angebrochenen Gottesherrschaft in Wort und Tat zu bekennen. Es ging ihm nicht um kleine Veränderungen sondern um eine gründliche Reform zur Erneuerung Israels. Dabei musste er notgedrungen für die Opfer des zu verändernden Systems Partei ergreifen, für die Zöllner, Huren, Sünder  und er musste diejenigen angreifen, deren Vorteil es war, das bestehende System zu erhalten.

 

Theologie:

Die ersten Christen trennten sich von den Opferpraktiken Israels nur teilweise, denn sie übernahmen in ihre  christliche  Theologie  die Opfervorstellungen Israels,  in der Verbindung des Opfers Jesu am Kreuz.   Durch die Theologie der Versöhnung und die Opferung seines Sohnes überwand man die schmerzliche Trennung vom Volk Israel und den Schmerz des Todes Jesu als Trennung. Das Trennende, die Sünde wird weggenommen. Juden wie Heiden ist der Weg zu Gott, der Weg zur Rettung, geebnet.  Dieser Gott gibt seinen eigenen Sohn, seinen Knecht, sein Lamm in den Tod, - zur Sühne, zur Versöhnung der Menschheit, zur Aufhebung aller Strafe, um alle Schuld  abzuwaschen (Jes. 1,18).

Er opfert sich für seine Freunde.  Gott wendet das Schema des Sündenbocks auf seine eigenen Kosten an, um dieses Schema ein für alle mal zu durchbrechen.

 

So werden wir vom Rückfall in archaisch primitive und sakrale Sündenbockrituale befreit.

Gott wendet sich dem Sünder zu und wertet ihn auf.

Jesu Ablehnung des Opfergedankens führt dazu, dass die neutestamentlichen Religionen die Willkür des Opfermechanismus aufdecken und die Sorge um die Verfolgten Opfer ins Zentrum rücken.

 

Im Grundsatzprogramm der Bergpredigt wird das, von Vorurteilen her zu denken, abgelöst. Jesus denkt von  der Würde des Menschen her, die auch dem Feind zugestanden wird.   Wo immer ein Konflikt zwischen zwei Menschen aufbricht, sollen wir Christen das Risiko auf uns nehmen und dem anderen entgegenkommen. Nur dadurch besteht wirklich Hoffnung, die Konflikte beenden zu können. Diese Haltung zeigt sich zum Beispiel in Joh. 15 V.12ff. Das eigene Leben aus Liebe hinzugeben.  8  

Jesus gibt Frieden, der alles Verstehen übersteigt (Phil. 4 V.7).  Er leistet keinen Widerstand, um mit seinem eigenen Opfer der falschen Entsühnung ein Ende zu bereiten.

 

Drewermann vertritt die Auffassung: War Jesus das Passah, das statt im Tempel, am Holz  des Kreuzes „geschlachtet“ wurde?  Steht dies alles nicht im Schatten kanibalistischer Jägermahlzeiten der Vorzeit?    Die Theologie versucht den Gedanken Gottes zu denken und entwickelt da heraus eine christliche Erlösungslehre. 

Doch welch ein Kind kann eine Erlösungslehre ertragen, in der es selber als so schuldig dargestellt wird, dass es nur durch den Opfertod des Gottessohnes mit dem zürnenden Gott  versöhnt werden kann.  Von dem Bild Gottes als liebender Vater ist hier nichts zu spüren.

Ein Christentum mit dieser Art von Theologie,  stellt kulturgeschichtlich keinen Fortschritt, sondern einen gefährlichen Rückschritt ins Rohe, Barbarische dar. 9

 

Vom AT her übertrug man das Bild des Schmerzensmannes,  des Gottesknechtes, der selber zur Sühne der Sünden der Menschen sich Gott auf grausige Weise zum Opfer dargeboten hatte.  Was man aus den archaischen Deutungsschemata von Schuld, Opfer, Tötung und Sühne in die Gottheit hineingetragen hatte, das übertrug man nun auf die Gestalt des Mannes aus Nazareth.  Man geht davon aus, dass Jesus sich selbst als das „Opferlamm“, als den „Gottesknecht“ sah, der den Menschen die Tore zum Himmel öffnet und den Menschen das Reich Gottes bringen wollte. 

 

Damit wird ein religiöses, sittliches Ideal entworfen, dass zur „Kreuzesnachfolge“ auffordert (Mk. 8,34-38 bis hin zur Selbstverleugnung).   Dienen und Gehorsam bis zum Äußersten wird von den Jüngern als Vorbild empfohlen (Mk. 9,35). Das führt zu einem Bild von Jesus, der Gehorsam, Selbstunterwerfung, negative Selbstidentifikation, masochistischen Leidenswunsch, bis zum Erlösungstod, bis zur Lebensverweigerung sich entwickeln kann.

Doch diese Bibelstellen halten der historischen Kritik nicht stand, um als echte Jesusworte gelten zu können. Dennoch bleibt die hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich Jesus um die Gefahr seines Handelns bewusst war. Doch dass ist eher auf seinen gesunden Menschenverstand, als auf eine göttliche Eingebung zurückzuführen.

 

Drewermann führt weiter aus, dass die christliche Abendmahlsfeier  einen archaische Hintergrund  mit Jagd, Krieg und Kannibalismus  hat,  freilich mit einem bemerkenswerten Unterschied: das  reale Töten von Tieren und Menschen hat sich in ein bloßes Erinnern verwandelt, die blutige kannibalistische  Ausgangsszene eiszeitlicher Jäger ist unter dem Einfluss neolithischer Bauern der unblutige Aneignung eines sterbenden und auferstehenden Gottes unter dem Zeichen Brot und Wein gewichen.  Das ursprünglich stammesbezogene Ritual zur Stabilisierung der einen Gruppe gegen eine (oder jede) andere Gruppe,  hat sich  in eine christlichen Interpretation verwandelt, in der sie so universell geworden ist, dass sie im Ritus eines gemeinsamen Teilens  alle Menschen miteinander  vereinigt, statt voneinander zu trennen. Insofern mag das Bild der „Eucharistie“ in der Tat als ein Symbol der „Verwandlung“, zwar nicht materiell von Brot und Wein, wohl aber der Wirklichkeit des menschlichen Daseins vom Stammesdenken zur gemeinsamen Weltverantwortung verstanden werden.10 

Bezogen auf den Titel des Buches des Innsbruck  katholischen Theologe Raymund Schwager,  „Brauchen wir einen Sündenbock“11, lautet die Antwort: Ja, der Mensch braucht einen Sündenbock. Wir brauchen nicht nur einen, den die Menschen sich mehr oder weniger zufällig suchen, um ihre Aggressionen auf ihn abzuladen und wieder besser miteinander auskommen zu können, sondern wir  brauchen den absolut Heiligen, den Sündlosen, den menschgewordenen Gott der Güte.  Das, was die Menschheit  schon vom Ursprung ihrer Vergesellschaftung an, in ihren Sündenbock-Jagden zu erreichen suchten,  nämlich die Entlastung ihrer abgrundtiefen Schuld auf ein unschuldiges Opfer kann gelingen.  Nach dem abreagieren der Aggressionen kann sich ein dauerhafter Friede einstellen. Grundsätzlich sind deshalb nach diesem endlich vollständig gelungenen und an sein Ziel gekommenen Sündenbockmechanismus keine weiteren Sündenbock-Jagden, sprich Opfer, mehr notwendig. Dies entspricht genau der Interpretation des Kreuzestodes Jesu im Hebräerbrief. Auf die Frage jedoch, warum es dann trotzdem gerade in der christlich-abendländischen Geschichte, angefangen von den Ketzerverfolgungen über die Hexenprozesse bis zum Hinschlachten von sechs Millionen Juden im Nationalsozialismus, immer wieder Sündenbock-Jagden ungeheuren Ausmaßes gegeben hat, geht Schwager  nicht ein. Was er durch seine Interpretationen des Jesus-Geschehens gewonnen hat, ist die Möglichkeit, entsprechend dem Hebräerbrief und anderen mehr sporadisch in den neutestamentlichen Texten auftauchenden Aussagen Jesu Tod als Sühneopfer zu interpretieren.

 

3. Alltagssündenböcke

Die wichtigste Ursache auf der Suche nach Sündenböcken liegt in der Unfähigkeit, die Ursachen der Krise zu erkennen und zu bearbeiten. Weil das Übel nicht an der Wurzel gepackt wird, berufen sich Gruppenmitglieder auf  bereits vorhandene Vorurteile, um die Schuld zu beweisen und die Wut mit einer Logik zu begründen. Reichen die Vorurteile und Halbwahrheiten nicht, so werden Vermutungen und Verdächtigungen als Tatsachen weitergetragen.

Sündenböcke sind nicht immer Unschuldsengel, aber sie ziehen durch ihre Ecken und Kanten entsprechende Vorurteile auf sich, bis hin zur Feindschaft. Doch mit Vernunft sind diese Vorurteile nicht zu rechtfertigen. Die Wutlogik überlagert die Sachlogik.

Dennoch wird  mit einer religiösen Interpretation  die notwendige Opferung  zur Versöhnung angestrebt.

Bekannt sein wird uns das Verhalten der Bevölkerung nach schockierenden Ereignissen. Sofort werden Schuldige gesucht und gefunden.  Das kann sich zu einer hysterischen Besessenheit einer gewalttätigen Gruppe entwickeln, die Terrorismus mit noch schlimmerem Terrorismus bekämpft, was dann zu einem Teufelskreislauf führt.

 

Wir befinden uns in einem Zeitalter der Krisen und Umbrüche mit Auflösungserscheinungen.

Aus diesem Grund werden immer wieder neue Sündenböcke gesucht gefunden und geopfert.

Trotz unserer Aufgeklärtheit, unserer Demokratie und juristischen Gerechtigkeit werden die tatsächlichen Zusammenhänge nicht zur Kenntnis genommen.  Die rationale Wahrheit wird verdrängt, weil sich die archaisch-  emotionale Opfermentalität durchsetzt.

Der Harvard Psychologe  Gordon Allport 13  gibt zu bedenken dass all die verschiedensten Reaktionen auf Sündenbockpraktiken wahrscheinlich immer wieder  missverstanden werden, denn: „Unser Vorstellungsvermögen ist zu beschattet, als dass wir verstehen könnten, weshalb die Person, die wir nicht leiden können, so und nicht anders reagiert.  Und doch steht eines fraglos fest: Wenn wir in der Haut des Opfers stecken würden, entwickeln wir in uns die gleichen Formen der Verteidigung.“  Wie können wir aus dem emotionalen Ping Pong Spiel von gegenseitigen Vorwürfen und Verteidigungen  aussteigen?  In einem Konfliktlösungsverfahren ist es ratsam die Interessen, Bedürfnisse und Gefühle zur Sprache zu bringen. Die Ursache der Aggression wird bewusst gemacht. Also was hinter den Positionen verstanden wird. Und dann kann es sich als sinnvoll erweisen auch mal in die Haut des anderen zu schlüpfen, um zu spüren wie es einem da geht. Aus dieser gegenseitigen Erfahrung  können Ängste abgebaut und neue Lösungsansätze wachsen.

 

Anthropologie, Psychologie, Gewalt und Konfliktforschung und die christliche Verkündigung, die auf der Seite der Opfer steht und den Kreislauf der Opferung durchbrechen will, haben sich bisher nicht so durchgesetzt, dass wir als Menschen zu einem evolutionären Entwicklungssprung gekommen sind. 

Dennoch ist jeder, der sich mit der Sündenbockproblematik beschäftigt auf einem guten Weg.  Es wird mit an uns liegen, ob wir auf diesem weg der Fairness und Wertschätzung  bleiben.

Es wird mit an uns liegen, der im Grundgesetz verankerten Menschenwürde und dem Willkürverbot, den Weg zu bereiten.

 

Quellenverzeichnis

 

 1 Gordon W. Allport ; „Treibjagd auf Sündenböcke“; Christian-Verlag Berlin 1951

2 In Anlehnung an  Jòzef Niewaidomski und Wolfgang Palaver „Vom Fluch und Segen der Sündenböcke“ Kulturverlag Wien 1995 und Wolfgang Palaver „Renè Girards mimetische Theorie“, LIT Verlag Münster 2003   und Eugen  Drewermann „Jesus von Nazareth Walter-Verlag Düsseldorf 1997

3 Girard  „mimetische Theorie“ S. 200

4Drewermann „Jesus von Nazareth“ S. 538

5Girard  „mimetische Theorie“ S. 270

6Girard  „mimetische Theorie“ S. 303

7Drewermann „Jesus von Nazareth“ S. 552 ff.

8 Jòzef Niewaidomski und Wolfgang Palaver „Vom Fluch und Segen der Sündenböcke“ S. 171

9 Drewermann „Jesus von Nazareth“ S. 540 nach C.G. Jung „Das Wandlungssymbol in der Messe“

10 Vergleiche Drewermann „Jesus von Nazareth“ S. 119

11 Raymund Schwager, „Brauchen wir einen Sündenbock? Gewalt und Erlösung in den biblischen Schriften. Erbsünde “  Kösel Verlag München 1978

12 Girard  „mimetische Theorie“ S. 205

13 Gordon W. Allport ; „Treibjagd auf Sündenböcke“; Christian-Verlag Berlin 1951;  S. 63

 

 

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